NRW Ministerpräsident Hendrik Wüst und Astronaut Alexander Gerst zu Gast im Forum Mariengarden
Schülerinnen und Schüler fasziniert vom Vortrag des vielfach ausgezeichneten Wissenschaftlers und Astronauten
BURLO | bd | Wenn mit Blaulicht ausgestattete und gepanzerte Fahrzeuge auf das Schulgelände des Gymnasium Mariengarden rollen, ist dies ein sicheres Anzeichen dafür, dass außergewöhnlicher Besuch bevorsteht. So geschehen am Montagvormittag, an dem der Nordrhein-Westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst das Burloer Gymnasium besuchte, um den Vortrag eines Mannes anzukündigen, der wenig später rund dreihundert Schülerinnen und Schüler mit seinem fast zweistündigen Vortrag faszinierte. Die Rede ist von Geophysiker, Vulkanologe und Astronaut Alexander Gerst. Der 50-jährige Wissenschaftler war 2014 nach langen Vorbereitungen ins Weltall gestartet und verbrachte sechs Monate in der Raumstation ISS, bevor er im November des gleichen Jahres wieder zur Erde zurückkehrte. Noch bevor die Raumkapsel den Boden erreichte, hatte er sich in einer Videobotschaft, die später um die Welt gehen sollte, an seine zu diesem Zeitpunkt noch nicht geborenen Enkelkinder gewandt und sich angesichts seiner Eindrücke im All dafür entschuldigt, dass er den kommenden Generationen wohl einen Planeten hinterlassen werde, der nicht mehr in allerbestem Zustand sei.
Während des Vortrages herrschte Stille im Auditorium
Gerst, der nach kurzen Begrüßungsworten von Schulleiter Michael Brands und Ministerpräsident Wüst die Bühne betrat, berichtete eindrucksvoll von seinen Weltraum-Missionen und sorgte mit fantastischen Fotos von seinem Werdegang und den Erlebnissen in der Raumstation, die in rund 400 Kilometern Höhe mit wechselnden Besatzungen die Erde umrundet, für bemerkenswerte Stille im Auditorium. Der Wissenschaftler und Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse – für seine Arbeiten mittlerweile mit unzähligen Preisen ausgezeichnet – gab faszinierende Einblicke in den Astronautenalltag innerhalb der ISS-Raumstation und räumte während der Schilderungen auch gleich mit einigen Mythen auf. So sei es entgegen anderen Meinungen schlicht und ergreifend nicht möglich, die chinesische Mauer mit bloßem Auge aus der Raumstation zu sehen. „Dazu benötigt man tatsächlich ein starkes Teleobjektiv. Und selbst dann wird man noch auf den Fotos genau hinsehen und suchen müssen“, beschrieb er das Mögliche und das Unmögliche.
Faszination und Machtlosigkeit
Er beschrieb aber auch eindrucksvoll seine Beobachtungen während des halbjährigen Aufenthalts im All. Blicke aus dem Fenster der Raumstation würden nicht nur verdeutlichen, wie sensibel der Planet auf Umwelt- und Klimaeinflüsse reagiere, sondern veranschauliche auch die eigene Machtlosigkeit, einzugreifen, um daran etwas zu ändern. „Man sieht von dort oben beispielsweise Tornados mit unvorstellbaren Ausmaßen, die sich über dem Meer zusammenbrauen und Richtung Küste ziehen. Diese Bilder sind einerseits faszinierend, weil man sie aus der Erdansicht so eben nie zu sehen bekommt und andererseits geradezu erdrückend, weil man genau weiß, dass unter den Wolkengebilden Menschen um ihr Leben fürchten müssen oder durch die Naturgewalten gar sterben, ohne dass man selbst eingreifen und helfen könnte.“ Auch Kriege mit Einschlägen von Bomben und Starts von Raketen im Rahmen bewaffneter Konflikte können die ISS-Besatzungen sehr deutlich erkennen – und auch hier seien Astronauten lediglich Zuschauer, nicht aber Akteure, die daran etwas ändern könnten.





Werbung für die Wissenschaft und Raumfahrttechnik
Jeder ausgesprochene Satz im Rahmen dieses beeindruckenden Vortrages ist Nachwuchswerbung vom Feinsten, ohne diese plakativ herauszustellen. Die anwesenden Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Mariengarden, des KAPU (Bischöfliches St.-Josef-Gymnasium Bocholt) und der Bischöflichen Canisiusschule in Ahaus hingen förmlich an den Lippen des Vortragenden und einige werden vielleicht am Ende ihrer Schulausbildung ein naturwissenschaftliches Studium mit dem Ziel beginnen, in Gerst’s Fußstapfen zu treten. Davon lassen sich einige der Schülerinnen und Schüler wohl auch nicht dadurch abbringen, wenn Alexander Gerst darüber berichtet, welche Kräfte er gemeinsam mit den Insassen der Raumkapsel beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre aushalten müssen. „Während die Kapsel zunächst mit 28.000 Stundenkilometern auf die Erde zurast, wird sie bei Eintritt in die Atmosphäre derart abgebremst, dass auf die Astronauten rund 6G-Kräfte wirken. Um zu verdeutlichen, welche Kräfte dies sind, möge man sich vorstellen, dass man Insasse in einem Auto sei, das mit 200 km/h über die Autobahn fährt. Nun wird das Fahrzeug auf Null km/h abgebremst – und zwar innerhalb einer Sekunde. Die Kraft, mit der die Insassen dabei in die Sicherheitsgurte gepresst werden, entspricht ungefähr den Kräften, die die Astronauten beim Wiedereintritt über einen längeren Zeitraum aushalten müssen.“
Leider gibt es aber auch Bestrebungen kommerzieller Unternehmen, die zukünftig die bemannte Raumfahrt erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen könnten. So sei bekannt, so Gerst, dass allein Elon Musk mit seinem Unternehmen Space-X in den kommenden Jahren rund eine Million Satteliten in die Umlaufbahn bringen will. Es bedarf daher einer international gültigen Regulierung dieser Vorhaben, um Raumfahrt auch weiterhin zu ermöglichen.
Und auch, wenn die Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls beim Start, dem Aufenthalt in der Raumstation oder bei der Rückkehr zur Erde als gering eingestuft wird, sei das Worst-Case-Szenario doch nicht gänzlich auszuschließen. Insofern, so Gerst, müsse man schon mit sich, seiner Familie und Freunden im Reinen sein, wenn man in eine Rakete steigt, um zu einer Weltall-Mission zu starten. Und dennoch wird sich Gerst – sofern von den mitwirkenden Raumfahrtbehörden gewünscht – wieder in die enge Kapsel und den Raumfahrtanzug zwängen, um für die Wissenschaft und letztlich für den Fortbestand der Menschheit sein Bestes zu geben. So sieht Professionalität aus, wenn es darum geht, diesen zerbrechlichen, blauen Planeten durch wissenschaftliche Arbeit und Erkenntnisse zu schützen. Am Ende gab es von allen Anwesenden – auch vom Ministerpräsidenten, der genauso gespannt dem Vortrag lauschte wie der ebenfalls anwesende Landrat Dr. Kai Zwicker – den mehr als verdienten Applaus.

